Hoher Fall

Von oben herab fallendes Wasser

Eigentlich wäre der heutige Tag im ursprünglichen Reiseplan ein Reservetag gewesen. Aber wegen des zusätzlichen Tages für die unvergessliche Laki Besichtigung, müsste der Abstecher nach Seyðisfjörður gestrichen werden. Doch wir hadern immer noch mit dem Wetterbericht. Es scheint, dass eine größere Schlechtwetterperiode sich über dem östlichen Island breit machen will. Wenn wir den Reiseplan weiter verfolgen, landen wir in durchwachsenem bis schlechten Wetter, wenn wir statt dessen heute doch nach Seyðisfjörður fahren hätten wir vermutlich einen akzeptablen Tag aber dann wird uns das schlechte Wetter die nächsten zwei Tage gewiss sein, wenn man sich auf den bisher recht zuverlässigen isländischen Wetterbericht verlässt. Eine schwere Entscheidung die dann doch zugunsten der Weiterreise gemäß Reiseplan ausfällt.

Durch das planen, abwägen, mögliche alternative Reiseziele prüfen vergeht viel Zeit, wodurch wir erst gegen 11 Uhr aufbrechen und im gerade öffnenden Bonus Supermarkt von Egilsstaðir landen. Das ist zwar praktisch zum Vorräte zu komplettieren, aber kostet zusätzlich wertvolle Reisezeit. Den Luxus, dass die Supermärkte bis spät Abends geöffnet sind, scheint es nur im Süden und im Raum Reykjavík zu geben.

Also geht es in – aus Sicht unser gegen den Uhrzeiger geplanten Islandumrundung – „falscher“ Richtung auf der Ringstraße 1 nach Südwesten bis wir auf der 931 entlang des milchig trüben Lögurinn Sees das Fljótsdalur aufwärts fahren. Der für das bisherige Island untypische Wald versperrt aber oft die Sicht auf den See. Nach der Überquerung der Jökulsá i Fljótsdal befindet sich wenige hundert Meter im Tal weiter aufwärts der Parkplatz für den ersten Besichtigungspunkt des Tages. Doch dazu musste noch ein ca. 2 km langer Wanderweg bergauf zurück gelegt werden. Der bot aber auch die Möglichkeit einen Blick zurück auf den Anreiseweg zu werfen und ein paar tolle Blicke auf die wechselhafte Wettersituation. Bisher war es jedoch noch trocken.

 

Oben erreicht man den Talkessel, des (früher dritt aber mittlerweile) viert höchsten Wasserfalls in Island, den Hengifoss. Der fällt über eine Felsklippe, welche die unterschiedlichen Gesteinsschichten der geologischen Entstehungshistorie des Isländischen Festlands sichtbar werden lässt, ca. 118 Meter in die Tiefe. Die unterschiedlich gefärbten Schichten bilden einen schönen Kontrast zum herab fallenden Wasser.

 

Am Ausgang des U-Förmigen Talkessels liegen verwitterte Felsbrocken wie überdimensionierte Schoko-Splitter in der Bergflanke.

Hang abwärts wandernd kann man das von der Jökulsá und ihren mäandernden Nebenarmen durchflutete Flötsdalur bewundern und noch einen Abschiedsblick auf den Hengifoss werfen.

Doch noch hat die Hengifossá nicht den letzten Fall überwunden bevor sie in den See mündet. Sie hat sich ihr Flussbett durch besonders hohe Basaltsäulen gegraben und fällt umsäumt von diesen beim Litlanesfoss ein weiteres mal einige Meter in die Tiefe.

Während wir versuchen die Basaltsäulen und den Wasserfall optisch einzufangen, fällt plötzlich wieder Wasser vom Himmel. Der Regen hat uns wieder erreicht. Also wird es höchste Zeit ihm wieder ein Stückchen davon zu fahren. So brechen wir auf und biegen nach knapp einem Kilometer auf die Austurleið (910) ein.

Die schwingt sich in acht Kehren den selben Berg hoch, den wir beim Hengifoss noch zu Fuß erklommen haben und führt uns gefühlt 10 Meter über die Wolkenunterkante in den Nebel. Erst nach ein paar Kilometern weiter südwestlich steigt die Wolkenbasis (oder das Gelände fällt etwas ab) so das wir ungefähr 10 Meter unter der Wolkendecke durchfahren. Die unmittelbar umgebende im fahlen Wolkenlicht braun grünliche Heidelandschaft ist zwar sichtbar. Aber als wie die Abzweigung der Straße zum Namensgeber dieser Web-Seiten passieren ist nichts vom Snæfell zu sehen. Es ist als ob meine Begründung für die Namenswahl ein Fingerzeig darstellte. Immerhin erreichen wir den Kárahnjúkar Stausee bei trockenem Wetter und besserer Sicht. Doch nun wehte der Wind ziemlich gewaltig.

Wie wir einer Infotafel in der Nähe des Hauptdamms entnehmen, erreicht der Stausee bis August/September seinen höchsten Füllstand. Das überflüssige Wasser überfließt dann die Überfluss-Anlage und schießt über eine Betonrinne mit einem Affenzahn zum Rand der eindrucksvollen Schlucht der Jökusá á Brú. Das Wasser stürzt als gewaltiger vom Menschenhand geschaffener Wasserfall in die Schlucht.

Weil er aber nur dann sichtbar ist, wenn Wasser im Überfluss vorhanden ist, heißt er Hverfandi (der Verschwindende).

Während dessen holte uns der Regen auch hier wieder ein und mir gelingt noch ein Foto von der herbstlichen Färbung dieser Pflanze.

An einem anderen Tag als dem heutigen wäre die nun folgende Fahrt entlang der F910 zunächst nach Norden und später dann nach Osten wahrscheinlich ein landschaftliches Highlight voller Island-Momente geworden. Aber die einheimischen Wetter-Trolle gönnten uns nur eine Andeutung von dem was zu sehen gewesen wäre: einen schmalen Streifen zwischen Horizont und tief hängender Wolkendecke.

So verläuft die Fahrt dann über die F905 nach Norden auf die 901 einmündend bis nach Möðrudalur vorwiegend im Regen. Dort angekommen verkrochen wir uns nach einem Camper üblichen Abendessen als bald müde ins Bett.